Von Jeannine Strohecker · 30. Sept. 2026 · ca. 9 Min. Lesezeit

Berufliche Neuorientierung in den Wechseljahren: Warum Kündigen selten die Lösung ist.

Hit­ze im Kun­den­ter­min, Gereizt­heit, Ver­gess­lich­keit – und irgend­wann der Gedan­ke: Ich schaf­fe meinen Job nicht mehr. Vie­le Frau­en den­ken in den Wech­sel­jah­ren über eine Kün­di­gung oder eine beruf­li­che Neuorientierung nach.

… oft wer­fen sie dabei viel zu schnell das Hand­tuch. Hin­ter dem Wunsch zu gehen steckt fast immer ein ande­res Problem als die Wech­sel­jah­re. Hier erzäh­le ich, wie ich selbst durch die­se Pha­se gegan­gen bin, was die For­schung dazu sagt und wie du prüfst, ob Gehen für dich rich­tig ist.

Mitte 40: Die Hosen gingen nicht mehr zu

Ange­fan­gen hat es bei mir Mit­te bis Ende 40. Ich habe zuge­nom­men, ohne irgend­et­was anders zu machen: glei­ches Essen, gleich viel Sport. Ich wur­de brei­ter, die Hosen gin­gen nicht mehr zu, die BHs auch nicht. Erst fand ich das doof. Dann habe ich gemerkt, dass ich es nicht ändern kann, und mir neue Hosen und neue Wäsche gekauft, alles eine Num­mer grö­ßer.

Dann kam die Gereizt­heit, und die war schlim­mer. Mein Part­ner hat mir irgend­wann gesagt, dass ich ständig Streit suche, auch da, wo es gar kei­nen Anlass gab. Er hat ver­sucht vor­aus­zu­ah­nen, wor­über ich mich in den nächsten Minu­ten oder Stun­den auf­re­gen könn­te. Furcht­bar! Mir war das total unan­ge­nehm. Ich woll­te nicht so sein und habe mich dafür gehasst.

Und dann kamen die Hit­ze­wal­lun­gen. Dazu gleich mehr.

Was die Wechseljahre mit der Leistung im Job machen

Ich bin selbst­stän­dig. Da kommt man nicht so schnell an den Punkt, die Arbeit liegen zu las­sen oder sich krank­zu­mel­den, was übri­gens auch zeigt, dass man manch­mal durch­hal­ten kann. Gemerkt habe ich die Wech­sel­jah­re bei der Arbeit trotz­dem: Ich konn­te mich schlech­ter kon­zen­trie­ren, vor allem aber war ich ver­gess­li­cher und schnel­ler erschöpft.

Damit bin ich nicht allein. Die Hoch­schu­le für Wirt­schaft und Recht Ber­lin hat 2023 im Pro­jekt Meno­Sup­port 2.119 Frau­en befragt, die in den letz­ten fünf Jah­ren ange­stellt gear­bei­tet hat­ten. Es war die ers­te gro­ße Stu­die dazu in Deutsch­land. Die vier häu­figs­ten Beein­träch­ti­gun­gen bei der Arbeit waren:

  • mehr Stress
  • schlech­te­re Kon­zen­tra­ti­on
  • mehr Unge­duld und Gereizt­heit gegen­über ande­ren
  • weni­ger Ver­trau­en in die eige­nen Fähig­kei­ten

Die Folgen sind deut­lich. Knapp ein Drit­tel der Frau­en war wegen der Beschwer­den schon krank­ge­schrie­ben oder hat unbe­zahl­ten Urlaub genom­men, knapp ein Vier­tel hat die Arbeits­zeit redu­ziert. Bei 18,4 Pro­zent haben die Beschwer­den die Ent­schei­dung beein­flusst, die Stel­le zu wech­seln. Und jede Zehn­te geht des­halb frü­her in Ren­te oder ist schon gegan­gen.

Die For­schung hat aber auch eine gute Nach­richt. Eine US-Stu­die unter Lei­tung der Alters­me­di­zi­ne­rin Gail Greend­a­le hat 2.362 Frau­en vier Jah­re lang beglei­tet: Gedächt­nis und Lern­fä­hig­keit lie­ßen wäh­rend der Wech­sel­jah­re nach und stie­gen danach wieder an. Eine Aus­wer­tung vie­ler Stu­di­en aus dem Jahr 2020 kommt zu dem Ergeb­nis, dass die nor­ma­le geis­ti­ge Leistungsfähigkeit meist erhal­ten bleibt. Nur etwa 11 bis 13 Pro­zent der Frau­en haben eine kli­nisch bedeut­sa­me Ein­schrän­kung. Für die meis­ten ist der Nebel im Kopf also eine Pha­se.

Was mir geholfen hat

Gegen die Ver­gess­lich­keit habe ich mein Sys­tem per­fek­tio­niert. Ich arbei­te seit Lan­gem nach „Get­ting Things Done“ von David Allen. Kurz gesagt heißt das: Alles, was dir durch den Kopf geht, kommt sofort raus aus dem Kopf und rein in ein Sys­tem, dem du ver­traust. Ich schrei­be fast alles auf To-do-Lis­ten oder spre­che es ins Han­dy. So geht mir heu­te kei­ne Idee mehr ver­lo­ren.

Gegen die Erschöp­fung hel­fen mir kur­ze Pau­sen und mehr Sport, drei- bis vier­mal pro Woche statt zwei­mal.

Hor­mo­ne oder Medi­ka­men­te will ich nicht neh­men, des­halb ver­su­che ich es auf die­sem Weg. Das ist meine per­sön­li­che Ent­schei­dung und kei­ne Emp­feh­lung. Was für dich rich­tig ist, besprichst du am bes­ten mit dei­ner Ärz­tin. Dort kannst du auch prüfen las­sen, ob dir zum Beispiel Vit­ami­ne feh­len.

„Bin voll in den Wechseljahren, kann’s nicht ändern“

Mit den Hit­ze­wal­lun­gen ging es mir erst genau­so wie mit den Hosen: total unan­ge­nehm. Dann habe ich ange­fan­gen, dar­über zu lachen, und mir Fächer gekauft. Einer liegt am Schreib­tisch, einer in der Hand­ta­sche. Eigentlich liegt über­all einer, mit dem ich mir Luft zuwe­deln kann, wenn die Hit­ze wieder auf­steigt. Dazu kommt der Zwie­bel-Look: Strick­ja­cke, Bla­zer, alles, was sich schnell abstrei­fen lässt.

Auch in meinen Ter­mi­nen habe ich irgend­wann ein­fach gesagt, wie es ist: „Bin voll in den Wech­sel­jah­ren und habe Hit­ze, kann’s nicht ändern.“ Ob Mann oder Frau, nie­mand hat sich dar­an gestört. Es gab kei­nen blö­den Spruch, als wäre es das Nor­mals­te der Welt. Viel­leicht, weil ich es genau so aus­ge­strahlt habe. Und wenn ich es in Coachings anspre­che, weil die Hit­ze gera­de wieder hoch­steigt, höre ich von Kli­en­tin­nen oft: „Ja, ken­ne ich.“

Das ist bemer­kens­wert, denn in der Meno­Sup­port-Stu­die sag­ten 52 Pro­zent der Frau­en, dass die Wech­sel­jah­re an ihrem Arbeits­platz ein Tabu­the­ma sind.

Warum Kündigen selten die Lösung ist

Frau­en kom­men nicht wegen der Wech­sel­jah­re zu mir. Wenn aber eine sagt: „Ich schaf­fe meinen Job nicht mehr, ich kün­di­ge“, sehe ich oft das­sel­be Mus­ter. Sie wirft zu schnell das Hand­tuch und sieht nur Schwarz oder Weiß, kein Grau. Sie schaut nicht, wel­che Lösun­gen es dazwi­schen gibt. Und das Gespräch mit der Che­fin, dem Chef oder dem Part­ner hat sie nicht geführt.

Die Wech­sel­jah­re sind dabei eigentlich nie das Problem. Das Problem steckt dahin­ter:

  • Kon­flikt­scheue
  • Scham
  • Glau­bens­sät­ze wie „Ich bin nicht mehr gut genug“

Dabei sind die Wech­sel­jah­re eine Pha­se, und die meis­ten Frau­en haben noch nichts von dem aus­pro­biert, was hel­fen könn­te.

Bleiben oder gehen? Der Test mit dem Einflusskreis

Ob Gehen rich­tig ist, prü­fe ich mit meinen Kli­en­tin­nen an einem ein­fa­chen Modell. Es geht auf Ste­phen Covey zurück, den Autor von „Die 7 Wege zur Effek­ti­vi­tät“, und besteht aus drei Krei­sen:

  • Innen steht, was du selbst in der Hand hast.
  • In der Mit­te steht, was du beein­flus­sen kannst: ande­re Men­schen, Abspra­chen, Abläu­fe.
  • Außen steht, was dich beschäf­tigt, wor­auf du aber kei­nen Ein­fluss hast.

Gemein­sam tra­gen wir ein, was sie schon ver­sucht hat, um ihre Situa­ti­on zu ver­än­dern. Steht im mitt­le­ren Kreis nichts, ist klar: Hier spie­len Scham oder Kon­flikt­scheue mit, und für eine Kün­di­gung ist es noch zu früh.

Steht dort dage­gen viel, und es hat sich trotz­dem nichts geän­dert, kann Gehen die richtige Ent­schei­dung sein. Dann beglei­te ich auch die beruf­li­che Neuorientierung.

Was du ausprobieren kannst, bevor du kündigst

Die meis­ten Frau­en, die ans Kündigen den­ken, haben nichts davon aus­pro­biert:

  • Das Gespräch führen. Erst unter vier Augen mit der Che­fin oder dem Chef, dann mit den Kolleg:innen. Zum Beispiel so: „Hört zu, bei mir ist es gera­de so: Ich bin in den Wech­sel­jah­ren und habe Hit­ze­wal­lun­gen. Außer­dem bin ich viel­leicht manch­mal genervt oder gereizt. Das ist mir total unan­ge­nehm, aber ich möch­te, dass ihr es wisst, weil es nichts mit euch zu tun hat.“
  • Um Verständnis und Rück­sicht bit­ten.
  • Ein, zwei Auf­ga­ben abge­ben, für eine Zeit, bis du wieder klar den­ken kannst.
  • Den Inhalt dei­ner Arbeit etwas ver­än­dern.
  • Die Arbeit an deinen neu­en Rhyth­mus anpas­sen. Wenn es abends besser klappt als mor­gens, sprich das mit der Che­fin und den Kolleg:innen ab.
  • Mehr klei­ne Pau­sen machen.
  • Die Ernäh­rung umstel­len. Dazu gibt es vie­le nütz­li­che Tipps von Fach­leu­ten.
  • Humor. Nimm dich und deinen Kör­per nicht so ernst. Akzep­tie­re ihn, wie er gera­de ist, statt ihn zu ver­ur­tei­len.

Mit 50 ist nicht Schluss

Ich bin gera­de 50 gewor­den. Mit der Zahl hat das alles bei mir nichts zu tun. Bei einem Fit­ness-Test kam neu­lich heraus, dass mein bio­lo­gi­sches Alter bei 38 liegt. Kei­ne Ahnung, ob das gut ist oder ob ich noch jün­ger hät­te sein können. Nach dieser Mes­sung bin ich jeden­falls beschwingt an meinen Schreib­tisch zurück­ge­gan­gen. Ich lie­be es, mir Zie­le zu set­zen und dar­auf hin­zu­ar­bei­ten, auch beim Sport. Der ers­te Halb­ma­ra­thon ist geplant.

Meine Kin­der sind erwach­sen. Ich füh­le mich frei und kann viel in meine Arbeit ste­cken, weil sie mich nicht mehr so brauchen. Gute Arbeit will ich trotz­dem auch für sie leis­ten, denn ich will, dass sie stolz auf ihre Mama sind. Das treibt mich an.

Ich habe gelernt, dass alles im Leben Pha­sen sind, die man über­ste­hen kann, die Wech­sel­jah­re auch. Meine Sym­pto­me klin­gen gera­de wieder ab, das Schlimms­te schei­ne ich über­stan­den zu haben. Und falls nicht, mel­de ich mich zu gege­be­ner Zeit wieder.

Wenn du gera­de über­legst, ob du bleibst oder gehst: Im kos­ten­lo­sen Erstgespräch schau­en wir, wo du stehst und ob ich dir hel­fen kann.

Du möchtest deine berufliche Richtung klären?

Im kos­ten­lo­sen Erstgespräch finden wir heraus, ob ich dich unter­stüt­zen kann.

Häufige Fragen

Soll ich in den Wechseljahren meinen Job kündigen?

Prüf zuerst, was du schon ver­sucht hast, um deine Situa­ti­on zu ver­än­dern: ein Gespräch mit der Che­fin oder dem Chef, Auf­ga­ben abge­ben, ande­re Arbeits­zei­ten. Wenn du davon noch nichts aus­pro­biert hast, ist eine Kün­di­gung meist zu früh. Hast du vie­les ver­sucht und es ändert sich nichts, kann Gehen rich­tig sein.

Lässt die Leistungsfähigkeit in den Wechseljahren dauerhaft nach?

Bei den meis­ten Frau­en nicht. In einer US-Stu­­die mit 2.362 Frau­en lie­ßen Gedächt­nis und Lern­fä­hig­keit wäh­rend der Wech­sel­jah­re nach und stie­gen danach wieder an. Nur etwa 11 bis 13 Pro­zent der Frau­en haben eine kli­nisch bedeut­sa­me Ein­schrän­kung.

Sollte ich im Job über die Wechseljahre sprechen?

Ich habe es getan und nur gute Erfah­run­gen gemacht. Sprich zuerst unter vier Augen mit dei­ner Che­fin oder deinem Chef, dann mit den Kolleg:innen. Wich­tig ist der Satz, dass deine Gereizt­heit nichts mit ihnen zu tun hat und dein mög­li­cher Leis­tungs­ab­fall nur vor­über­ge­hend ist.

Was hilft gegen Vergesslichkeit im Job?

Mir hilft es, alles sofort auf­zu­schrei­ben oder ins Han­dy zu sprechen, nach der Metho­de „Get­ting Things Done“. Dazu kom­men kur­ze Pau­sen und Bewe­gung. Medi­zi­ni­sche Fra­gen klärst du mit dei­ner Ärz­tin.

Quellen

Rum­ler, A. & Mem­mert, J. (2024): Meno­Sup­port: Ergeb­nis­über­blick zur deutsch­land­wei­ten Online­be­fra­gung zum The­ma Wech­sel­jah­re am Arbeits­platz. Hoch­schu­le für Wirt­schaft und Recht Ber­lin.

Greend­a­le, G. A. et al. (2009): Effects of the meno­pau­se tran­si­ti­on and hor­mo­ne use on cogni­ti­ve per­for­mance in mid­life women. Neu­ro­lo­gy.

Greend­a­le, G. A., Kar­la­man­g­la, A. S. & Maki, P. M. (2020): The meno­pau­se tran­si­ti­on and cogni­ti­on. JAMA.

Covey, S. R.: Die 7 Wege zur Effek­ti­vi­tät.

Quel­len­la­ge und Ent­ste­hung

  • Eige­nes Erle­ben (Gewicht, Gereizt­heit, Hit­ze­wal­lun­gen, GTD, Sport) und Beob­ach­tun­gen aus Coachings aus dem Inter­view; Zah­len aus Meno­Sup­port und SWAN-Stu­die.
  • Geht am 30.09.2026 still mit dem Blog­be­reich online; LinkedIn-Post am 13.10., News­let­ter am 14.10.2026.
  • Ideen­quel­le: Inbox-Idee Ent­schei­dungs­leit­fa­den „Bleiben oder gehen in den Wech­sel­jah­ren“.