Von Jeannine Strohecker · 30. Sept. 2026 · ca. 12 Min. Lesezeit

Laudatio auf sich selbst: So kommst du wieder an deine Stärken.

Eine unge­wöhn­li­che Übung, mit der du wieder erkennst, was du kannst – und ein echtes Beispiel aus meinem Coaching.

Wer nicht mehr sieht, was er kann, kann sich weder neu aus­rich­ten noch über­zeu­gend bewer­ben. In meinen Coachings set­ze ich dafür eine Übung ein, die vie­le erst mal selt­sam finden: die Lau­da­tio auf sich selbst. Das ist eine Lob­re­de auf das eige­ne Leben, geschrie­ben, als wür­de jemand ande­res sie bei einer Preis­ver­lei­hung hal­ten. Hier erzäh­le ich, wie das bei einem Kli­en­ten gelau­fen ist. Sei­ne gan­ze Rede fin­dest du am Ende, ver­öf­fent­licht mit sei­ner Erlaub­nis. Namen und eini­ge Details habe ich geän­dert.

Wenn nur noch die Makel zählen

Tho­mas war Mit­te 60, als er sich bei mir mel­de­te. Er war vie­le Jah­re Key Account Mana­ger gewe­sen und hat­te gekün­digt, weil sei­ne Frau schwer erkrankt war. Inzwi­schen hat­te er sie ver­lo­ren. Bis zur Ren­te blie­ben ihm gut andert­halb Jah­re, und er stell­te eine Fra­ge, die ich sehr mag: Wel­che Arbeit könn­te in dieser Zeit noch einen beson­de­ren Sinn erge­ben?

Eine Ant­wort hat­te er nicht. Ein Stu­di­um? Ein Ehren­amt? Oder doch noch mal gegen Geld arbei­ten? Er erzähl­te, er habe gera­de so eben zurück ins nor­ma­le Leben gefun­den und wol­le sich jetzt neu sor­tie­ren. Mir fiel schnell auf, dass er an vie­les, was ihn aus­macht, nicht mehr her­an­kam. Sei­ne geschei­ter­te Selbst­stän­dig­keit zum Beispiel sah er als Makel. Dass er für die­sen Schritt damals eine Men­ge Mut gebraucht hat­te, sah er nicht mehr.

Dass uns das Schlech­te lau­ter vor­kommt als das Gute, ist gut unter­sucht. Der Psy­cho­lo­ge Roy Bau­meis­ter und sein Team haben dazu 2001 hun­der­te Stu­di­en aus­ge­wer­tet. Ihr Ergeb­nis: Schlech­te Erleb­nis­se, schlech­te Gefüh­le und nega­ti­ves Feed­back wir­ken stär­ker als gute, und schlech­te Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten wir gründ­li­cher. Bei Tho­mas hat­te die geschei­ter­te Selbst­stän­dig­keit alles ande­re über­deckt.

Die Übung: Du bekommst den Oscar für dein Lebenswerk

Ich habe Tho­mas gefragt, ob er die Oscar-Ver­lei­hung schon mal im Fern­se­hen gese­hen hat. Dann habe ich ihm die Auf­ga­be erklärt: Er wird für sein Lebens­werk geehrt – für alles, was er erreicht hat, und dafür, dass er so ist, wie er ist. Lei­der ist sein Lau­da­tor aus­ge­fal­len, also muss er die Rede auf sich selbst schrei­ben.

Viel mehr gebe ich nicht vor:

  • kei­ne Regeln für Auf­bau oder Inhalt
  • der Text darf lang werden
  • geschrie­ben wird in der drit­ten Per­son, also „er“ oder „sie“ statt „ich“

Die drit­te Per­son hat einen Grund: Wer über sich als „er“ oder „sie“ schreibt, bekommt Abstand zu sich selbst. Du schaust von außen auf dein Leben, wie jemand, der es beob­ach­tet, statt mit­ten­drin zu ste­cken.

„Ich kann mich nicht selbst loben“

Die­sen Satz höre ich oft, sobald ich die Übung erklä­re. Meine Ant­wort ist immer die­sel­be: Doch, das kannst du – und gera­de weil es dir schwer­fällt, sollst du die Übung machen. Ich gebe die­se Haus­auf­ga­be freund­lich, aber bestimmt auf. Da mag dann auch nie­mand mehr wider­spre­chen, und gewei­gert hat sich bis heu­te kei­ner.

Seine Laudatio: Das Scheitern steht mittendrin

Tho­mas hat sei­ne Rede allein geschrie­ben. Er beginnt ganz vorn, bei sei­ner Aus­bil­dung zum Kauf­mann und sei­nem ersten Job im Lager eines gro­ßen Kon­zerns. Er erzählt vom Auf­stieg, von zehn Jah­ren, in denen er für die Fir­ma die Welt bereis­te, von Kolleg:innen und Freund­schaf­ten. Ein Satz dar­aus ist mir beson­ders hän­gen geblie­ben:

„Denn man­che sam­meln Titel. Tho­mas sam­mel­te Bezie­hun­gen.“

Und dann kommt genau die Selbst­stän­dig­keit, die er vor­her als Makel gese­hen hat­te. Er lässt sie nicht weg, und er beschö­nigt sie auch nicht:

„Die Selbst­stän­dig­keit schei­ter­te. Und zwar nicht ein biss­chen. Sondern rich­tig.“

Ein paar Zei­len weiter steht der Satz, um den es in der gan­zen Übung geht:

„Das Beein­dru­cken­de war aber nicht, dass er gefal­len ist. Das Beein­dru­cken­de war, dass er wieder auf­ge­stan­den ist.“

Am Ende spricht er über sei­ne Söh­ne und über sei­ne Frau. Ein Teil des Oscars, schreibt er, gehö­re heu­te auch ihr.

Was danach passiert ist

Tho­mas hat mir sei­ne Lau­da­tio vor­ge­le­sen. Er war sehr bewegt. Ich habe ihn dafür gelobt und ihn gefragt, ob ich sie für einen Artikel ver­wen­den darf – er hat sofort Ja gesagt.

Beim Schrei­ben und Vor­le­sen hat er wieder gese­hen, was er alles kann und geleis­tet hat. Er hat gemerkt, dass er schon Kri­sen gemeis­tert hat und dass er nicht allein ist. Ich bin mir ziem­lich sicher, dass er in die­sem Moment die Idee los­ge­las­sen hat, noch mal „nor­mal“ gegen Geld arbei­ten zu gehen.

Ent­schie­den hat er sich danach erst ein­mal für gar nichts. Er hat­te wieder die Ruhe, sich Zeit zu geben und nach dem Tod sei­ner Frau Fuß zu fas­sen. Heu­te, ein paar Mona­te spä­ter, weiß ich: Er wird ein Stu­di­um begin­nen.

Ich habe meine eigene Laudatio zweimal geschrieben

Ich gebe die­se Übung weiter, weil ich sie selbst zwei­mal gemacht habe.

Das ers­te Mal war in mei­ner ersten Coa­chingaus­bil­dung. Ich hat­te eine schwe­re Tren­nung hin­ter mir, meine Kin­der waren plötz­lich nur noch jede zwei­te Woche bei mir, und ich war emotional extrem ange­schla­gen. Die Aus­bil­dung habe ich damals selbst wie eine The­ra­pie erlebt. Viel­leicht sagen meine Klient:innen des­halb heu­te, dass sich die Arbeit mit mir eher nach The­ra­pie und Men­to­ring anfühlt als nach einem Coaching zur beruf­li­chen Neuorientierung.

Das zwei­te Mal war ich nach einem Burn­out mit Depres­si­on in einer Kli­nik. Mir all das bewusst zu machen, was mich aus­macht, hat damals enorm auf­ge­räumt und mir Kraft gege­ben. Ich habe gese­hen, wie stark ich bin, was ich schon alles geschafft habe – und wie resi­li­ent ich bin.

Warum ich die Laudatio auf sich selbst einsetze – und bei wem nicht

Wer kei­nen Kon­takt zu dem hat, was ihn beson­ders macht, kann kei­ne Ideen für die eige­ne Zukunft ent­wi­ckeln. Er kann sich nicht über­zeu­gend bewer­ben, im Vor­stel­lungs­ge­spräch nicht selbst­be­wusst auf­tre­ten, nicht gut ver­han­deln und nicht für sich ein­ste­hen. Wer sei­ne Stärken und Kom­pe­ten­zen kennt, kann das alles. Genau des­halb gebe ich die­se Übung auf.

Die For­schung stützt das, mit einer ehr­li­chen Ein­schrän­kung: Eine Aus­wer­tung von 29 Stu­di­en kam 2019 zu dem Ergeb­nis, dass Wohl­be­fin­den, Opti­mis­mus und gute Gefüh­le mess­bar stei­gen. Auf nega­ti­ve Gefüh­le und depres­si­ve Sym­pto­me war die Wir­kung dage­gen klein. Die Lau­da­tio ersetzt also kei­ne The­ra­pie. Bei mir kam sie beim zwei­ten Mal ja auch zur The­ra­pie dazu.

Wer dage­gen weiß, was er kann, mit gan­zer Kraft und Über­zeu­gung im Leben steht und gera­de zum Beispiel nur einen Kon­flikt mit jeman­dem im Job lösen will, bekommt die­se Übung von mir nicht.

So schreibst du deine eigene Laudatio

Wenn du gera­de fest­steckst und dir kaum ein­fällt, was du gut kannst, pro­bier es aus:

  1. Stell dir vor, du wirst für dein Lebens­werk geehrt – für alles, was du erreicht hast, und dafür, wie du bist.
  2. Dein Lau­da­tor ist aus­ge­fal­len, also schreibst du die Rede selbst.
  3. Schreib über dich in der drit­ten Per­son.
  4. Mehr Regeln gibt es nicht, und der Text darf lang werden.

Ein Tipp von einer Kli­en­tin: Sie hat ihre Lau­da­tio auf eige­ne Faust ein­ge­spro­chen, als eine Art Mini-Pod­cast nur für sich. Wenn sie gera­de nicht gut drauf ist, hört sie sich die Auf­nah­me an, und sie findet das groß­ar­tig.

Du möchtest deine berufliche Richtung klären?

Im kos­ten­lo­sen Erstgespräch finden wir heraus, ob ich dich unter­stüt­zen kann.

Häufige Fragen zur Laudatio auf sich selbst

Was ist eine Laudatio auf sich selbst?

Eine Lob­re­de auf das eige­ne Leben, geschrie­ben, als wür­de jemand ande­res sie bei einer Ehrung hal­ten. Sie hilft dabei, die eige­nen Stärken und Leistungen wieder zu sehen.

Wie lang sollte sie sein?

Dafür gibt es kei­ne Vor­ga­be, sie darf lang werden. Die Rede von Tho­mas hat rund 1.200 Wör­ter.

Warum in der dritten Person?

Wer über sich als „er“ oder „sie“ schreibt, bekommt Abstand zu sich selbst und schaut auf das eige­ne Leben wie jemand von außen.

Für wen eignet sich die Übung?

Für Men­schen, die an ihre Stärken nicht mehr her­an­kom­men, etwa nach einer Kri­se, einem Ver­lust oder bei der beruf­li­chen Neuorientierung. Wer mit gan­zer Kraft im Leben steht und nur einen ein­zel­nen Kon­flikt lösen will, braucht etwas ande­res.

Die ganze Laudatio

Namen, Fir­men und eini­ge Details sind geän­dert. Alles ande­re ist der Ori­gi­nal­text von Tho­mas.

Laudatio zur Verleihung des Oscars für das Lebenswerk an Thomas

Meine Damen und Her­ren, lie­be Fami­lie, lie­be Freun­de, lie­be Weg­ge­fähr­ten,

heu­te Abend haben wir uns ver­sam­melt, um einem Mann eine Aus­zeich­nung zu ver­lei­hen, die er ver­mut­lich nie­mals bean­tragt hät­te, von der er aber ins­ge­heim über­zeugt ist, dass sie längst über­fäl­lig war. Wir ver­lei­hen heu­te den Oscar für das Lebens­werk an Tho­mas.

Und bevor jetzt jemand fragt: „Was hat er denn eigentlich erfun­den?” Nun, Tho­mas hat weder das Inter­net ent­wi­ckelt, noch die Ener­gie­wen­de allein geret­tet und auch nicht den Welt­frie­den her­bei­ge­führt. Aber er hat etwas geschafft, das min­des­tens genau­so sel­ten ist: Er hat sich ein Leben auf­ge­baut, das von Mut, Mensch­lich­keit, Beharr­lich­keit und einer gehö­ri­gen Por­ti­on Humor geprägt war. Und das ist heut­zu­ta­ge viel­leicht die grö­ße­re Leistung.

Wenn man Tho­mas’ Lebens­ge­schich­te ver­fil­men wür­de, wäre sie übri­gens kein Action­film. Sie wäre eine Mischung aus Aben­teu­er­film, Komö­die, Dra­ma und manch­mal auch einer Doku­men­ta­ti­on über die erstaun­li­che Fähig­keit eines Men­schen, sich immer wieder neu zu erfin­den.

Begin­nen wir ganz am Anfang. Tho­mas mach­te eine ein­fa­che Aus­bil­dung zum Kauf­mann. Damals ver­mut­lich nicht mit dem Gefühl, den Grund­stein für eine gro­ße Kar­rie­re zu legen. Aber rück­bli­ckend war genau das einer der wich­tigs­ten Bau­stei­ne sei­nes Lebens. Denn dort lern­te er etwas, das ihm spä­ter über­all hel­fen soll­te: Mit Men­schen umzu­ge­hen. Mit allen Men­schen. Mit dem Chef genau­so wie mit dem Mit­ar­bei­ter im Lager. Mit dem Kun­den genau­so wie mit dem Kol­le­gen. Und wer Tho­mas kennt, weiß: Er inter­es­siert sich tat­säch­lich für Men­schen. Nicht nur, weil es im Ver­trieb hilf­reich ist. Sondern weil er so ist.

Sein ers­ter gro­ßer beruflicher Abschnitt führ­te ihn zu einem gro­ßen Kon­zern. Dort begann er im Lager. Und das fin­de ich bemer­kens­wert. Denn vie­le Men­schen erzäh­len ihre Kar­rie­re spä­ter so, als wären sie direkt als Führungs­kraft gebo­ren wor­den. Tho­mas dage­gen hat ganz unten ange­fan­gen. Er wuss­te, wie die Arbeit aus­sieht, bevor er Ver­ant­wor­tung dafür über­nom­men hat.

Über den Ein­kauf ent­wi­ckel­te er sich weiter und über­nahm schließ­lich die Lei­tung von drei gro­ßen Märk­ten. Zehn Jah­re lang bereis­te er die Welt. Er bau­te neue Märk­te auf. Er erziel­te beein­dru­cken­de Umsät­ze. Er über­nahm Ver­ant­wor­tung. Und wenn man ihn heu­te fragt, wor­an er sich erin­nert, spricht er sel­ten zuerst über Zah­len. Er spricht über Men­schen. Über Kol­le­gen. Über gemein­sa­me Erleb­nis­se. Über Freund­schaf­ten. Das sagt viel über ihn aus. Denn man­che sam­meln Titel. Tho­mas sam­mel­te Bezie­hun­gen.

Dann kam die Selbst­stän­dig­keit. Und hier hät­te die Geschich­te eigentlich nach Hol­­ly­­wood-Dreh­­buch ver­lau­fen sollen. Muti­ger Unter­neh­mer. Gro­ße Idee. Gro­ßer Erfolg. Hap­py End. Doch das Leben hat­te ande­re Plä­ne. Die Selbst­stän­dig­keit schei­ter­te. Und zwar nicht ein biss­chen. Sondern rich­tig. Tho­mas fiel tief. Beruflich. Finan­zi­ell. Per­sön­lich.

Es gibt Men­schen, die über sol­che Zei­ten nicht sprechen. Tho­mas tut das. Weil er weiß, dass gera­de die­se Kapi­tel zum Leben dazu­ge­hö­ren. Und weil sie ihn geprägt haben. Die­se Zeit hat ihn demü­tig gemacht. Sie hat ihm gezeigt, wie schnell sich Lebens­um­stän­de ändern können. Wie wich­tig Beschei­den­heit ist. Und wie wert­voll ech­te Freund­schaft ist. Denn als vie­les unsi­cher wur­de, stan­den Men­schen an sei­ner Sei­te. Freun­de, die ihn auf­fin­gen. Freun­de, die ihn unter­stütz­ten. Freun­de, die ihm hal­fen, wieder auf­zu­ste­hen. Und ich glau­be, Tho­mas wür­de heu­te selbst sagen: Die Men­schen, die damals geblie­ben sind, gehö­ren zu den wich­tigs­ten sei­nes Lebens.

Das Beein­dru­cken­de war aber nicht, dass er gefal­len ist. Das Beein­dru­cken­de war, dass er wieder auf­ge­stan­den ist. Nicht laut. Nicht spek­ta­ku­lär. Sondern Schritt für Schritt. Mit Geduld. Mit Fleiß. Und mit einer Hart­nä­ckig­keit, die gele­gent­lich an Stur­heit grenz­te. Wahr­schein­lich tut sie das heu­te noch.

Dann begann ein neu­es Kapi­tel. Bei einem Tech­nik­un­ter­neh­men. Für Tho­mas bedeu­te­te das einen Neu­start in einem tech­ni­schen Umfeld. Für jeman­den mit kauf­män­ni­schem Hin­ter­grund nicht unbe­dingt die ein­fachs­te Auf­ga­be. Ande­re hät­ten viel­leicht gesagt: „Das ist mir zu kom­pli­ziert.” Tho­mas sag­te: „Das schaue ich mir mal an.” Und dann tat er das, was er sein gan­zes Leben getan hat. Er lern­te. Er frag­te nach. Er arbei­te­te sich ein. Er kämpf­te sich hin­ein. Und plötz­lich war da wieder dieser ver­trau­te Tho­mas: Zuver­läs­sig. Enga­giert. Erfolg­reich. Vier­zehn Jah­re lang.

Spä­ter, bei einem wei­te­ren Tech­nik­un­ter­neh­men, folg­te die nächs­te Her­aus­for­de­rung. Ener­gie­wen­de. Digi­ta­li­sie­rung. Schon bei die­sen Begrif­fen bekom­men vie­le Men­schen leich­te Ermü­dungs­er­schei­nun­gen. Tho­mas nicht. Er ver­stand schnell, dass Tech­nik allein nie aus­reicht. Men­schen kau­fen Ver­trau­en. Men­schen folgen Men­schen. Und genau dort lag sei­ne Stär­ke. Er war viel­leicht nicht immer der tech­nischs­te Mensch im Raum. Aber oft der­je­ni­ge, dem die Men­schen am meis­ten ver­trau­ten. Weil er zuhör­te. Weil er zuver­läs­sig war. Weil er ehr­lich war. Und weil er nie ver­ges­sen hat, dass hin­ter jeder geschäft­li­chen Ent­schei­dung ein Mensch sitzt. Dar­auf kann er mit Recht stolz sein.

Doch bei all den beruf­li­chen Sta­tio­nen wür­de etwas feh­len, wenn wir nur dar­über sprechen wür­den. Denn das eigent­li­che Lebens­werk eines Men­schen ent­steht nicht im Büro. Es ent­steht in sei­nem per­sön­li­chen Umfeld. Und des­halb müs­sen wir über sei­ne Fami­lie sprechen.

Über sei­ne bei­den Söh­ne. Heu­te erwach­sen. Wer Tho­mas kennt, weiß, wie stolz er auf die bei­den ist. Und zwar auf die­se ange­neh­me Art von Stolz. Nicht, weil sie per­fekt sind. Sondern weil sie ihren Weg gehen. Weil sie Cha­rak­ter haben. Weil sie gute Men­schen gewor­den sind. Wenn Tho­mas über sei­ne Söh­ne spricht, merkt man sofort: Hier spricht kein Ver­trieb­ler. Hier spricht ein Vater.

Und dann gibt es noch einen Men­schen, über den man heu­te Abend nicht sprechen kann, ohne dass es emotional wird. Anna. Sei­ne Frau. Sei­ne Part­ne­rin. Sei­ne größ­te Lie­be. Sie haben sich nicht ganz am Anfang ihres Lebens gefun­den. Viel­leicht war gera­de des­halb jeder gemein­sa­me Tag beson­ders wert­voll. Gemein­sam haben sie sich ein Zuhau­se geschaf­fen. Ein Haus gekauft. Plä­ne ent­wi­ckelt. Erfol­ge gefei­ert. Herausforderungen gemeis­tert. Sie waren ein Team. Und wer die bei­den erle­ben durf­te, konn­te sehen, wie viel Ver­trau­en, Respekt und Lie­be zwischen ihnen bestand.

Anna war für Tho­mas weit mehr als eine Ehe­frau. Sie war sein siche­rer Hafen. Sei­ne Ver­trau­te. Sei­ne wich­tigs­te Unter­stüt­ze­rin. Ihr Ver­lust hat eine Lücke hin­ter­las­sen, die nie­mand schlie­ßen kann. Aber die Lie­be, die bei­de mit­ein­an­der geteilt haben, ist geblie­ben. Und des­halb gehört ein Teil die­ses Oscars heu­te auch ihr. Viel­leicht sogar ein sehr gro­ßer Teil.

Lie­ber Tho­mas, wenn wir heu­te auf dein Lebens­werk schau­en, dann sehen wir kei­ne per­fek­te Erfolgs­ge­schich­te. Zum Glück nicht. Wir sehen ein echtes Leben. Mit Höhen und Tie­fen. Mit Sie­gen und Nie­der­la­gen. Mit Umwe­gen und Neu­an­fän­gen. Wir sehen einen Men­schen, der nie auf­ge­ge­ben hat. Der für ande­re da war. Der ange­packt hat, wenn es nötig war. Der Empa­thie nie für Schwä­che gehal­ten hat. Der Humor behal­ten hat, selbst wenn das Leben manch­mal wenig Anlass dazu gege­ben hat. Und der vie­len Men­schen gezeigt hat, dass Erfolg nicht bedeu­tet, nie zu fal­len. Sondern immer wieder auf­zu­ste­hen.

Des­halb ver­lei­hen wir heu­te den Oscar für das Lebens­werk nicht nur an einen erfolg­rei­chen Kauf­mann, Ver­triebs­pro­fi oder Key Account Mana­ger. Wir ver­lei­hen ihn an einen Freund. An einen Vater. An einen Weg­ge­fähr­ten. An einen Men­schen, der Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Nicht in Sta­tis­ti­ken. Nicht in Orga­ni­gram­men. Sondern in den Her­zen der Men­schen, die ihn kennen.

Lie­ber Tho­mas, für dein Lebens­werk, für deinen Mut, für deine Mensch­lich­keit, für deine Freund­schaft und für die Art, wie du dein Leben gelebt hast: Herz­li­chen Glück­wunsch zum Oscar für dein Lebens­werk. Du hast ihn dir ver­dient.

Vie­len Dank.

Quellen

Bau­meis­ter, R. F., Brats­lavs­ky, E., Fin­ken­au­er, C. & Vohs, K. D. (2001): Bad is stron­ger than good. Review of Gene­ral Psy­cho­lo­gy, 5(4), 323–370.

Car­ri­l­lo, A. et al. (2019): Effects of the Best Pos­si­ble Self inter­ven­ti­on: A sys­te­ma­tic review and meta-ana­ly­sis. PLOS ONE, 14(9).