Von Jeannine Strohecker · 30. Sept. 2026 · ca. 8 Min. Lesezeit
Warum Gründungen trotz guter Idee scheitern – und was Durchhaltevermögen damit zu tun hat.
Die Idee ist gut, der Wille ist da – und trotzdem kommt die Gründung nie richtig in Gang oder ist nach ein paar Monaten wieder vorbei.

Das beobachte ich immer wieder bei Menschen, die ohne Begleitung losgelegt haben. Und manchmal merke ich schon im Coaching, dass die richtige Einstellung fehlt. Die Gründe sind fast immer dieselben: Es fehlt ein Plan, es gibt Stolpersteine, die niemand eingerechnet hat, und vor allem fehlt das Durchhaltevermögen bei der Gründung. Ich habe selbst zweimal gegründet und dabei einige dieser Fehler gemacht. Hier erfährst du, welche das waren und wie du sie vermeidest.
Gute Idee, kein Start: Was die Zahlen sagen
Dass viele Gründungen gar nicht erst beginnen, ist kein Bauchgefühl. Der KfW-Gründungsmonitor befragt jedes Jahr rund 50.000 Menschen in Deutschland. Laut der aktuellen Ausgabe von 2026 geben von denen, die eine Gründung planen, jedes Jahr gut vier von zehn ihre Pläne wieder auf. Diese verhinderten Gründungen sind etwa doppelt so häufig wie die, die tatsächlich starten.
Den Ausschlag geben vor allem finanzielle Sorgen. Wer Probleme mit der Finanzierung hatte, hat seine Pläne in 64 Prozent der Fälle abgebrochen. Ohne solche Probleme waren es 36 Prozent. Und auch wer startet, verschätzt sich oft: Nur knapp die Hälfte setzt so viel Geld ein wie geplant, rund 30 Prozent brauchen mehr.
Auch nach dem Start hören viele wieder auf. Nach einer Faustregel der KfW hat innerhalb von drei Jahren etwa ein Drittel die Gründung wieder beendet, meist aus persönlichen Gründen wie Belastung für die Familie, Stress oder zu wenig Einkommen.
Meine erste Gründung: zwei Läden, zwei Kinder im Grundschulalter
Meine erste Selbstständigkeit waren zwei Einzelhandelsgeschäfte. Meine beiden Kinder waren damals im Grundschulalter. Gestolpert bin ich an Stellen, die ich nicht auf dem Schirm hatte.
Da waren die Behörden und das Henne-Ei-Problem: Für den Kreditantrag brauchte ich einen Mietvertrag für das Ladenlokal. Anmieten konnte ich das Ladenlokal aber erst, wenn ich den Kredit hatte.
Dann das Personal. Mitarbeiterinnen wurden krank oder ihre Kinder, und ich musste viel öfter selbst einspringen als gedacht. Zu Hause hatten mein damaliger Mann und ich die Woche aufgeteilt: Drei Tage übernahm er die Kinderbetreuung, drei Tage ich, und einen Tag hatten wir als Familie gemeinsam. Finanziell war jeder für sich, wir hatten getrennte Konten. Wenn ich ungeplant im Laden einspringen musste, hat er die Kinder übernommen.
Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Im zweiten Laden haben Mitarbeiter geklaut. Wenn du nicht ständig vor Ort sein kannst, hat das Folgen.
Einer meiner großen Fehler war, dass ich auf die falschen Leute gehört habe. Vermeintlich erfahrene Berater, die selbst nie einen Laden aufgebaut hatten, haben mir zu Rabattkarten für Kund:innen geraten, mit viel zu hohen Rabattstufen. Ich habe vierfarbige Tüten drucken lassen, bevor ich auch nur ein einziges Produkt verkauft hatte. Am Ende verkauft man kein Produkt mehr, nur weil man hübsche Tüten hat.
Ans Aufhören habe ich erst gedacht, als wir uns getrennt haben und diese familiäre Unterstützung wegfiel. Weitergemacht habe ich dann nur noch so lange, bis erst der eine und dann der andere Laden ausverkauft war. Es war eine geordnete, geplante Schließung nach der anderen.
Der größte Fehler: „Erst mal anfangen“
Einer der größten Fehler, den ich bei Gründer:innen sehe: Sie wollen „erst mal anfangen“. Damit meinen sie, dass sie sich nach der offiziellen Gründung einen Plan machen, wen sie überhaupt als Kund:innen gewinnen wollen. Das ist viel zu spät.
Wer erst nach der Gründung überlegt, wen er wie anspricht, lernt erst dann aus fehlenden Rückmeldungen, ändert die Ansprache und probiert Neues aus. Das finanzielle Polster ist dann schneller aufgebraucht, als man gucken kann. Sofort kommt finanzieller Druck dazu, und unter Druck und mit Angst trifft man keine guten Entscheidungen mehr. Das ist brandgefährlich.
Ein Beispiel aus meiner Arbeit: Eine Klientin wollte sich als Coachin für Eltern selbstständig machen, mit einem sehr aktuellen Familienthema und viel Potenzial. Schon während des Gründungscoachings hat sie ihre Hausaufgaben nicht regelmäßig gemacht. Dann hat sie ein erstes kostenloses Webinar geplant, terminiert und über Instagram beworben, ohne vorher ein Publikum aufgebaut zu haben. Angemeldet hat sich niemand, und sie war enttäuscht. Als Expertin für ihr Thema finde ich sie heute nirgends.
Das sehe ich oft: Menschen schauen auf den Erfolg anderer und übersehen dabei, wie viel mühsame Aufbauarbeit notwendig ist, bevor der erste Euro Umsatz gemacht werden kann.
Die vier Stolpersteine, die fast niemand einrechnet
Wenn ich mit Gründer:innen ihren Plan durchgehe, fehlen fast immer dieselben Dinge. In dieser Reihenfolge:
- Das finanzielle Polster für die ersten Monate, in denen noch gar kein oder nur wenig Umsatz reinkommt. Das fehlt mit weitem Abstand am häufigsten.
- Eine realistische Umsatzplanung. Die meisten planen viel zu euphorisch.
- Ein Plan für die Kundengewinnung. Wer sind deine ersten Kund:innen, und wie erreichst du sie?
- Rücklagen für die Einkommensteuer und Geld für die private Altersvorsorge.
Wie groß das Polster sein muss, lässt sich nicht verallgemeinern. Das hängt von deinem Geschäftsmodell ab und davon, wie viel Vorarbeit du schon geleistet hast.
Kann man Durchhaltevermögen bei der Gründung lernen?
Meine Antwort: jein. Der Schlüssel liegt in zwei Dingen, einem felsenfesten Glauben an dich selbst und dem unbändigen Willen, etwas zu schaffen und an ein Ziel zu kommen. Dazu gehört ein Invest an Zeit, Energie und Geld und ein Commitment mit dir selbst. Die wenigsten schaffen das, weil es enorm viel Kraft, Eigenverantwortung, Energie und Durchhaltevermögen braucht.
Ich habe beide Male ohne Gründungscoaching gegründet. Ich habe selbst recherchiert, wie was geht und wen ich wo ansprechen muss. Dabei habe ich mir alles selbst erarbeitet, inklusive der Fehler, die ich dir heute ersparen kann.
Wenn Glaube und Wille da sind, kommt der Plan. Dafür formulierst du dein Ziel SMART:
- Spezifisch
- Messbar
- Attraktiv, und zwar richtig attraktiv für dich selbst
- Realistisch
- Terminiert
Ein Beispiel: „In Monat 3 nach der Gründung mache ich 2.000 Euro Umsatz.“ Aus so einem Ziel ergibt sich alles Weitere: welches Marketing du wie machen musst, wo du im Vertrieb aktiv wirst und welchen Content du für welchen Kanal produzierst.
Die Forschung stützt das. Die Psychologen Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran haben 2006 insgesamt 94 Tests aus verschiedenen Studien ausgewertet. Ihr Ergebnis: Wer vorher festlegt, wann, wo und wie er handelt, erreicht seine Ziele deutlich häufiger.
Ob jemand durchhält, merke ich übrigens schnell, nämlich daran, ob er genau zuhört und seine Hausaufgaben macht.
Nebenbei gründen? Meine ehrliche Meinung
Viele wollen erst mal nebenbei gründen, oft weil sie ihre Versicherung über einen Teilzeitjob abgedeckt haben wollen. Ich halte das für naiv und romantisiert. Eine Gründung braucht deine volle Energie und Aufmerksamkeit, wenn du es ernst meinst und damit Geld verdienen willst. Neben dem Job zu gründen braucht noch viel mehr Willen, Kraft und Energie, und das hat kaum jemand.
Die Zahlen passen dazu. Laut KfW planen jedes Jahr 20 bis 30 Prozent derer, die nebenbei gegründet haben, innerhalb eines Jahres in den Vollerwerb zu wechseln. Tatsächlich schaffen das im langjährigen Mittel nur rund 8 Prozent, also etwa ein Drittel derer, die es vorhatten.
Meine Haltung ist deshalb klar: Wenn du den Mut nicht aufbringst, alles auf eine Karte zu setzen, lass es lieber.
Was ich heute anders mache
Bei meiner zweiten Gründung hatte ich die ersten Kund:innen sicher, bevor ich gegründet habe. Zu wissen, wer dir den ersten Umsatz bringt, ist wahnsinnig wichtig.
Außerdem:
- Von jedem Umsatz lege ich sofort 50 Prozent zur Seite.
- Ich gebe kein Geld für unnötige Dinge aus, auch wenn ich sie schön finde. Vor jeder Anschaffung frage ich mich: „Mache ich dadurch mehr Umsatz oder gewinne ich dadurch einen Kunden mehr?“ Lautet die Antwort Nein, kaufe ich es nicht.
- Das meiste Geld fließt in Weiterbildung und den Ausbau meiner Kompetenzen. Das kommt meinen Kund:innen zugute, und daraus entwickle ich neue Angebote, die wiederum Umsatz bringen.
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Häufige Fragen
Warum scheitern Gründungen trotz guter Idee?
Meist aus drei Gründen: Es fehlt ein Plan, vor allem für die Kundengewinnung. Stolpersteine wie das finanzielle Polster, eine zu euphorische Umsatzplanung oder Rücklagen für Steuern sind nicht eingerechnet. Und es fehlt Durchhaltevermögen. Laut KfW-Gründungsmonitor führen vor allem finanzielle Sorgen dazu, dass Gründungspläne abgebrochen werden.
Wie groß muss das finanzielle Polster sein?
Dafür gibt es keine Faustregel. Es hängt von deinem Geschäftsmodell ab und davon, wie viel Vorarbeit du schon geleistet hast. Plan auch Rücklagen für die Einkommensteuer und die Altersvorsorge ein.
Sollte ich nebenbei gründen?
Meine Meinung: Nein, wenn du es ernst meinst. Eine Gründung braucht deine volle Energie. Laut KfW schaffen im Schnitt nur rund 8 Prozent der Nebenerwerbsgründungen innerhalb eines Jahres den Wechsel in den Vollerwerb.
Wie baue ich Durchhaltevermögen bei der Gründung auf?
Mit dem Glauben an dich selbst, dem Willen, dein Ziel zu erreichen, und einem SMART formulierten Ziel. Aus dem Ziel leitest du konkrete Schritte mit festen Terminen ab.
Quellen
KfW Research (2026): KfW-Gründungsmonitor 2026. Gründungstätigkeit in Deutschland: Trend zum Nebenerwerb verfestigt sich, junge Erwachsene prägen Gründerlandschaft.
KfW (2024): KfW-Gründungsmonitor 2024 – Zahl der Existenzgründungen legt leicht auf 568.000 zu. Pressemitteilung vom 17.06.2024.
Gollwitzer, P. M. & Sheeran, P. (2006): Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69–119.
Quellenlage und Entstehung
- Eigene erste Gründung (zwei Einzelhandelsgeschäfte), Klientinnen-Beispiel (anonymisiert, Thema verallgemeinert) und Haltung zur Nebenerwerbsgründung aus dem Interview; Zahlen aus dem KfW-Gründungsmonitor.
- Bewusst weggelassen: Aussage zum Sozialstaat (politisch, würde geförderte Interessent:innen abschrecken).
- KfW-Zahlen einmal jährlich prüfen und aktualisieren.
- Geht am 30.09.2026 still mit dem Blogbereich online; LinkedIn-Post am 27.10., Newsletter am 28.10.2026.





